Offener Brief an den Presserat

Offener Brief an
Deutscher Presserat e.V.
Sehr geehrter Herr Tillmanns:

was ich zunächst für einen verfrühten und verunglückten April-Scherz gehalten habe, hat sich leider bestätigt. Ihre heutige Pressemitteilung „Gesetzentwurf verhindert Gewinnung neuer Leser … “ ist offenbar ernst gemeint.

Zunächst fragt man sich bereits, was den Deutschen Presserat e.V., dessen Aufgaben seiner Satzung zu entnehmen sind, dazu hat bringen können, sich finanzielle Interessen der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger im Bereich der Abonnentenwerbung zu eigen zu machen – wes‛ Brot ich eß‛, des‛ Lied ich sing? Klar ist jedenfalls, daß der Presserat für die Medienethik (auch beim Datenschutz) zuständig ist – und für sonst gar nichts.

Der konkrete Fall Ihrer Pressemeldung freilich geht noch weit über „Amtsanmaßung“ hinaus. Denn sie soll zugunsten der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage unmittelbar Einfluß auf parlamentarische Entscheidungen nehmen, ist also reiner Wirtschaftslobbyismus. Dabei ist Ihre Erklärung von so grotesker Abseitigkeit, so voller absurd überzogenem Alarmismus, daß
sie selbst für den Fall, daß sie einen wahren Kern hätte, nur abstoßend und lächerlich wäre – schlechte PR ist schlimmer als keine PR.

Denn wir erfahren, daß journalistische Arbeitsplätze offenbar zu Tausenden davon abhängen, daß die komplette Bevölkerung der (von Verlagen beauftragten) grob unseriösen und übelst beleumdeten Adreßhandelsbranche und der im wesentlichen der Bandenkriminalität zuzurechnenden mafiosen Drücker-Szene weiter wehrlos ausgeliefert wird. Damit Journalisten über solche Machenschaften berichten können, muß es ihren Verlagen erlaubt sein, die Schurkereien erst einmal geschehen zu lassen – eine abstruse Vorstellung, die selbst dem dümmsten Abgeordneten, der daheim im Werbemüll erstickt, die Zornesröte ins Gesicht treiben muß.

Ohne die Zierden der Menschheit aus Adreßhandel und aggressiven Hausierer-Gangs kommt – folgt man Ihnen – sofort das, was die einschlägigen Bonzen und Funktionäre so gut wie täglich prophezeien, ohne daß es noch jemand ernst nähme: Es treten „katastrophale Folgen“ ein, der „Boden wird unter den Füßen weggezogen“, natürlich ist „die Existenz bedroht“ und ein massenhaftes „Titelsterben“ bedroht das Liebste, die „Vielfalt“, was – schlimm, schlimm – ein „irreparabler Schaden“ ist, schon wegen der „negativen Auswirkungen auf die redaktionellen Arbeitsplätze“, usw., usw. Wer denkt sich so etwas aus?

Es mag schon sein, daß es manchen deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen in Zukunft nicht mehr so gut wie bisher gehen wird – die Zeitungsprobleme in den U.S.A. sind da ein Menetekel. Aber daß nur Werbe- und Drückerterror und eine zur Dauer-Belästigung freigegebene Bevölkerung die hiesigen Verlage vor dem Untergang retten kann, ist reiner Unfug – und ein Tiefpunkt für den ohnehin gebeutelten Presserat.

Bereits heute haben empörte DJV-Mitglieder von uns gefordert, etwas gegen den von Ihnen nahegelegten Verdacht zu tun, die Zeitungs- und Zeitschriften-Journalisten seien zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Entrechtung der Bevölkerung gegen aggressive Werbung angewiesen.

Es ist schlimm, wenn – auch – in den Verlagen enthemmte Raffzähne sitzen, die sich für Geld und nichts als Geld interessieren und für die „Ethik“ ein Fremdwort ist. Wenn der Presserat überleben will, darf er sich mit solchen Leuten nicht gemein machen. Denn einen als „Presserat“ getarnten Wirtschaftslobby-Club braucht nun wirklich keiner – sage ich als im DJV berüchtigter neo-liberaler Marktwirtschaftler mit Hayek-Hausaltar.

Mit freundlichen Grüßen

(Hans Werner Conen)
Vorsitzender

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