Bitter Lemmer: Das Gewerkschaftsdilemma

Wer ist eigentlich für wen da – wir für die Gewerkschaft, oder die Gewerkschaft für uns? Der DJV sorgt derzeit für Schlagzeilen, weil er gleich zwei komplette Landesverbände ausgeschlossen hat – Berlin und Brandenburg. Mehr denn je sind Fragen angebracht: Was tut die Gewerkschaft eigentlich, wenn Sie sich nicht mit internen Rivalitäten und politischen Petitessen beschäftigt? Was tun die für beitragzahlende Radiomacher? Und: Brauchen wir diesen Laden eigentlich?

Ich selbst war auch einmal DJV-Mitglied, bin aber vor etlichen Jahren ausgetreten. Begründung: Unsolidarisches Verhalten mit mir, einem zahlenden Mitglied. Im Verbandsorgan „Der Journalist“ wurde damals in praktisch jeder Ausgabe gegen die Institution des Privatfunks gehetzt. Meine Leserbriefe, in denen ich darauf hinwies, daß ich meine Beiträge aus einem Privatfunkgehalt bezahlte, wurden nie veröffentlicht. Erst, als ich meine Austrittserklärung abgeschickt hatte, rief mich der damalige Berliner Landesgeschäftsführer an und bat mich, meine Entscheidung zu überdenken. Wenn ich mir den Gewerkschaftskindergarten von heute so ansehe – gut, daß ich draußen blieb.

Das infantile Gezerre um die Landesverbände in Berlin und Brandenburg ist dabei nur die Spitze. Hier wird organisierter Schwachsinn offenbar. Einerseits trumpft der DJV-Bundesverband damit auf, für Rechtsradikale sei kein Platz in seinem Verein. Andererseits ist zu lesen, der Mann, um den es da geht, sei bereits seit elf Jahren Mitglied. Entweder war der DJV elf Jahre lang eben doch Heimstatt für Rechtsradikale, oder der betreffende Herr ist keiner. Offenbar behaupten derzeit alle Beteiligten ziemlich schamlos alles Mögliche, wobei der DJV-Bundesvorstand den Vorwurf des Rechtsradikalismus offenbar fallen ließ. Mittlerweile befassen sich die ersten Gerichtsinstanzen mit der Angelegenheit, weitere werden wohl folgen. Die Anwälte können sich freuen, die Honorare sind sicher. Bemerkenswert, daß es scheinbar noch Tausende gibt, die diesen Blödsinn mit ihren Beiträgen unterstützen.

Also: Wer ist hier für wen da?

Zunächst: Welche Personen sind das eigentlich, denen Radioleute durch Gewerkschaftsbeitritt ihr Vertrauen (und etwas Geld) schenken? Der DJV-Vorsitzende Michael Konken dürfte nur mit großem Wohlwollen als Journalist zu sehen sein. Seine Karriere ist die eines Verwaltungsmannes, Funktionärs und PR-Beraters. In seinem Lebenslauf finden sich zwar auch journalistische Stationen. Gelernt ist er aber Diplom-Verwaltungswirt. Auf seiner Website www.michael-konken.de präsentiert er sich als Fachmann für Stadtmarketing. Das ist sicher nichts Ehrenrühriges, aber er sitzt eindeutig nicht auf der Schreibtischseite von Journalisten, sondern genau gegenüber. Er gehört also zu denen, zu denen Journalisten Distanz halten sollten. Gleichwohl hat er es zum Bundesvorsitzenden der journalistischen Interessenvertreter gebracht. Als kritischer Geist wird man damit das Selbstverständnis des DJV hinterfragen dürfen. Erst recht, wenn man die Herkunft der anderen Beteiligten betrachtet. Es handelt sich um eine Melange aus öffentlich-rechtlich, politisch-funktional bis hauptamtlich-funktionärisch. Private Radiomacher sind scheinbar nur als Beitragszahler gefragt, keinesfalls aber als Mitbestimmer. Dasselbe gilt übrigens auch für ver.di.

Aber gut – vielleicht bedarf es ja der (Semi-)Profi-Funktionäre, um unsere Interessen gut zu vertreten. Was tun die also für uns? Wie alle Gewerkschaften tritt der DJV (ebenso wie ver.di) für allgemeingültige Rahmenbedingungen ein. Gewerkschaften fordern Tarifverträge, und sie unterstützen die Gründung von Betriebsräten. Die Nützlichkeit ist umstritten. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen damit. Tarifverträge haben eher keinen Einfluß auf die Bezahlung von Radioleuten. Betriebsräte sind bisweilen schädlich, weil sie Ressourcen binden und von den eigentlichen Aufgaben in den Sendern ablenken. Vermutlich wird niemand meiner Beobachtung widersprechen, daß Betriebsräte nur dann gegründet werden, wenn die Stimmung im Laden mies ist. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, daß der außerordentliche Kündigungsschutz für Wahlvorstände und Betriebsräte durchaus motivierend wirkt.
Ich halte Betriebsräte im Radio für unnötig. Ich will andererseits nicht verschweigen, daß sie nötige Veränderungsprozesse in Sendern unterstützen können. Voraussetzung ist, daß nicht die sprichwörtlichen Querulanten Betriebsrat werden, was schon vorgekommen sein soll, sondern vernünftige Leute, was ebenfalls schon vorgekommen ist.

Aber was hat das mit den Gewerkschaften zu tun? Wer mehr Geld oder einen Betriebsrat will – benötigt der wirklich deren Hilfe? Möglicherweise sind die längst überflüssig geworden. Zu diesem Schluß kommt jedenfalls eine Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder in Deutschland. Nur 41 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder halten ihre Organisation noch für unverzichtbar. So steht es in einer vertraulichen Studie, die der DGB in Auftrag gab und die dummerweise ausgerechnet dem Spiegel in die Hände fiel. 57 Prozent der Mitglieder halten die Gewerkschaften demnach für veraltet und schwerfällig.

Höchste Zeit, mit mehr Distanz und Kritikfähigkeit an das Thema heranzugehen. Wieso brauchen Gewerkschaften Protz-Immobilien, wie die IG-Metall-Zentrale in Frankfurt (absolut Konzern-tauglich) oder das ver.di-Haus am schicken Potsdamer Platz in Berlin? Wem nützen eigentlich die hergebrachten gewerkschaftlichen Rezepte für den Arbeitsmarkt – den arbeitssuchenden Menschen oder den Funktionären und gewerkschaftseigenen Bildungswerken? Und wieso halten sich die Gewerkschaften dafür legitimiert, Parlament und Regierung vorzuschreiben, welche Gesetze sie zu machen und umzusetzen haben? Gelten Parlamentswahlen etwa weniger als Gewerkschaftstage? Diese Frage stellen sich offenbar auch immer mehr Gewerkschaftsmitglieder. Nur 35 Prozent raten dazu, „öffentlichen Druck zu machen, um die Regierung zu einer Änderung ihres Reformkurses zu zwingen“, heißt es in der DGB-internen Studie.

Frage an die anderen 65 Prozent: Warum macht ihr da noch mit?

Bitter Lemmer: Das Gewerkschaftsdilemma

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